Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier zur Vorstellung des deutsch-polnischen Geschichtsbuchs an der Robert Jungk-Oberschule, Berlin

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Berlin (pressrelations) –

Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier zur Vorstellung des deutsch-polnischen Geschichtsbuchs an der Robert Jungk-Oberschule, Berlin

Lieber Witold,

liebe Schülerinnen und Schüler,
meine Damen und Herren!
In zwei Stunden werden Witold Waszczykowski und ich an der gemeinsamen Sitzung des polnischen und des deutschen Kabinetts im Kanzleramt teilnehmen.

Das wird eine eindrucksvolle Veranstaltung werden – mit beflaggten Staatskarossen und Motorrad-Eskorte, mit militärischen Ehren und ganz bestimmt mit einem riesigen Pulk an Journalisten mit Kameras und Mikrofonen.
Kein Wunder, wir haben ja auch etwas zu feiern: Fünfundzwanzig Jahre deutsch-polnischer Nachbarschaftsvertrag. Fünfundzwanzig Jahre, in denen Deutsche und Polen endlich geworden sind, wovon schon Willy Brandt geträumt hat – gute Nachbarn in Europa.
Jetzt werden einige von euch denken: Das ist doch wohl hoffentlich etwas ganz Normales in der Europäischen Union des Jahres 2016. Ganz so selbstverständlich ist es aber doch nicht, nach allem, was Deutsche Polen im 20. Jahrhundert angetan haben. Und ich füge hinzu: Ganz so selbstverständlich ist es leider nicht in einem Europa, dessen innerer Zusammenhalt gerade heute bröckelt.
Lieber Witold, dass wir uns nachher gemeinsam an einen Tisch setzen können – auch wenn wir nicht überall einer Meinung sind -, das bleibt für mich Grund zur Dankbarkeit:
Für den mutigen Freiheitskampf der Arbeiter auf den Danziger Werften. Für die Bereitschaft der polnischen Nachbarn, neues Vertrauen in uns Deutsche zu fassen. Und für die unzähligen menschlichen Verbindungen, die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs gerade zwischen euch, den jungen Polen und Deutschen entstanden sind – ganz unabhängig davon, wer gerade in Warschau oder Berlin regiert. Und damit meine ich viel mehr als nur die Flanken von Robert Lewandowski und Lukas Podolski.

Deshalb ist für mich heute nicht weniger wichtig als der große Festakt im Kanzleramt: die Vorstellung des Deutsch-Polnischen Geschichtsbuchs hier in der etwas bescheideneren Aula der Robert Jungk-Oberschule!
Liebe Schülerinnen und Schüler, ab dem nächsten Schuljahr werdet ihr nach dem ersten Band dieses neuen Geschichtsbuchs lernen – genauso wie hoffentlich viele junge Leute in Warschau und Breslau, in Posen, Potsdam und in Halle.
Allen, die in endlosen Sitzungen am Text gefeilt und wenn nötig um die richtigen Worte gerungen haben, danke ich herzlich.
Ich finde: Die Mühe hat sich gelohnt; es ist ein wunderbares Buch geworden.
Ein Buch, das hellhörig macht für die Träume und Traumata, mit denen unsere Nachbarn die gemeinsame Geschichte verbinden. Ein Buch, das euch hoffentlich hilft, einen gemeinsamen deutsch-polnischen Blick auf diese Geschichte zu entwickeln – auf die Schatten, die sie bis in unsere Gegenwart wirft, aber auch auf das Licht.

Eine besonders ermutigende Episode dieser Geschichte habe ich erzählt, als ich vor zwei Monaten zu Besuch in Warschau war. Sie handelt vom “Akt von Gnesen”. Vor über tausend Jahren macht sich Kaiser Otto III. auf den Weg nach Gnesen. Am Ufer des Grenzflusses Bober empfängt ihn Herzog Boleslaw von Polen. Otto erkennt ihn als Ebenbürtigen an und setzt ihm zum Zeichen seiner Freundschaft die eigene Kaiserkrone auf. Und Bobeslaw erkennt in ihm den Menschen und vielleicht sogar den Freund. Eine denkwürdige Begegnung zweier Männer, die sich demselben gemeinsamen Europa zugehörig fühlen. Zugleich eine frühe Ahnung davon, was deutsch-polnische Beziehungen sein können.
Eigentlich genau die richtige Orientierung für unsere heutigen Regierungskonsultationen, lieber Witold!
Nur eines passt vielleicht nicht mehr ganz in unsere Zeit, habe ich mir gedacht, als ich vorhin im neuen Schulbuch geblättert habe – die Geschenke. Otto überreichte Bogeslaw einen Nagel vom Kreuz Christi, woraufhin sich Bogeslaw revanchierte, indem er Otto den Arm des heiligen Adalbert schenkte.

Lieber Witold, da haben wir dann doch zeitgemäßere Umgangsformen entwickelt: Wir sind letzte Woche einfach gemeinsam nach Paris geflogen, um das EM-Vorrundenspiel Deutschland – Polen im Stade de France zu schauen. Und als hätten zwei Teams von Diplomaten gespielt, haben sie sich auf ein 0:0 verständigt!

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