Kenia: Tausende Kinder wegen Schließung des weltgrößten Flüchtlingslagers in Gefahr

Berlin (pressrelations) –

Kenia: Tausende Kinder wegen Schließung des weltgrößten Flüchtlingslagers in Gefahr

Mehr als 165.000 Kindern droht Gewalt, Zwangsrekrutierung und die Trennung von ihren Familien aufgrund der bevorstehenden Schließung des weltgrößten Flüchtlingslagers in Dadaab im November, warnt die Kinderrechtsorganisation Save the Children.

“Seit bekannt wurde, dass das Lager in Dadaab schließen wird und die Menschen gezwungen werden, nach Somalia zurück zu kehren, leben alle in Angst”, erläutert Helle Thorning-Schmidt, Geschäftsführerin von Save the Children International. “Stellen Sie sich vor, jemand sagt Ihnen, ab morgen haben Sie keine Wohnung, keinen Schlafplatz mehr. Die Menschen haben Angst und werden gezwungen, lebensgefährliche Wege auf sich zu nehmen – nur, um in das nächste Krisengebiet zu gelangen. Für die Familien und besonders die Kinder sind diese Reisen eine besondere Gefahr. Und die Kinder wissen nicht, was aus ihnen und ihrer Zukunft wird und ob es ein Leben ohne Gewalt und Obdachlosigkeit gibt.”

Save the Children berichtet von einer steigenden Zahl von Kindern, die in das vom Bürgerkrieg gebeutelte Somalia zurückkehren und schutzlos Gewalt ausgesetzt sind. Zwei von ihnen sind Mohamed, 14, und Aden, 13. Sie wurden auf ihrer Rückkehr nach Somalia von einer bewaffneten Gruppe verschleppt. Ihr Vater wurde bei dem Versuch, ihnen zu helfen, getötet. Ihre Mutter konnte sich im letzten Moment retten und floh nach Äthiopien.

“Nach dem Tod unseres Vaters wurden wir in ein militärisches Trainingscamp nach Baardheere gebracht. Sie schlugen uns und gaben uns nichts zu essen, wenn wir nicht taten, was sie sagten”, berichtet Aden. Später gelang den Brüdern die Flucht. Sie wurden verhaftet, aber nach kurzer Zeit ohne Anklage freigelassen und gelangten schließlich alleine nach Dadaab. “Ich gehe nie wieder nach Somalia”, sagt Aden. “Ich bin sicher, dass die Gruppe uns immer noch sucht und dass sie, wenn sie uns finden, nicht wieder in das Trainingscamp bringen, sondern uns töten”. Ein anderes Kind, der sechsjährige Abdullahi, sah kurz nach seiner Rückkehr nach Somalia, wie eine Rakete seinen Nachbarn tötete. “Es gab eine riesige Explosion. Ich ging aus dem Haus und überall lagen Leichteile”, sagt Abdullahi. Seit die Familie wieder nach Dadaab zurückkehrte, hat er Albträume und wacht schreiend auf, sagt seine Mutter.

Kinder werden zudem gezwungen, die Schule zu verlassen. Lernmöglichkeiten werden ihnen genommen. Ahmed, 18, befürchtet, dass er als Kindersoldat kämpfen muss, sollte er nach Somalia zurückkehren: “Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder kämpfe ich für die Regierung oder für eine Extremistengruppe. Viele von uns haben die Hoffnung verloren.” In Somalia gibt es keine Bildung für Kinder wie Ahmed. Wegen der Rücksiedelung ist unsicher, ob sie Prüfungen ablegen können oder Zeugnisse bekommen.

Die Zukunft der Flüchtlinge, die nach Somalia zurückgehen, ist ungewiss. Sie kehren zurück in ein Land, das noch immer von Konflikten beherrscht ist und wo es für sie am Nötigsten fehlt.

Forderungen und Hintergrundinformationen:

Um den Schutz und die Sicherheit aller Flüchtlingskinder in Dadaab zu gewährleisten, ruft Save the Children zu folgenden Maßnahmen auf:

– Die Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen den Regierungen Kenias und Somalias sowie des Flüchtlingshilfswerkes UNHCR. 2013 unterzeichneten die Regierungen beider Staaten und das UNHCR eine Vereinbarung, um die freiwillige Rückkehr somalischer Flüchtlinge von Kenia nach Somalia zu erleichtern – sicher, freiwillig und angemessen;
– Die Regierung Kenias teilt allen Flüchtlingen mit, dass das Lager in Dadaab auch über den November hinaus geöffnet bleibt. Darüber hinaus soll die Regierung allen im Lager registrierten Schülern erlauben, ihre staatlichen Prüfungen im November 2016 abzulegen. Zusammen mit der Regierung Somalias soll Kenia eine Lösung für beide Länder finden, um nach Somalia zurückkehrenden Schülern der Klassen 6 und 7 zu ermöglichen, in Zukunft ihre kenianischen Grundschulabschlussprüfungen (KCPE) abzulegen;
– Für Spender und die internationale Gemeinschaft ist am wichtigsten die ausreichende Finanzierung der freiwilligen Wiedereinbürgerung, die Aufrechterhaltung der Unterstützung der in Dadaab verbleibenden Menschen und die Unterstützung der Menschen nach der Ankunft in Somalia. Zudem müssen ausreichend finanzielle Mittel für Schutz und Ausbildung der Kinder sowie für die Lebensgrundlagen der Familien gewährleistet sein.
– UNHCR bestätigt den Flüchtlingen öffentlich und versichert Ihnen, dass die vollständige und erweiterte Finanzierung der freiwilligen Wiedereinbürgerung auch 2017 verfügbar bleibt. Ebenso muss der UNHCR sicher stellen, dass die Flüchtlinge über sämtliche Ausbildungsmöglichkeiten in ihrer Umgebung informiert sind und dass Kinder, die möglicherweise von ihren Familien getrennt werden oder bereits getrennt wurden, die notwendige Unterstützung erfahren;
– Die UN und die Nichtregierungsorganisationen in Dadaab und Somalia müssen gewährleisten, dass der gesamte Wiedereinbürgerungsprozess zuerst und besonders im Interesse des Kindeswohles geschieht – das beinhaltet die Garantie auf kindergerechte und angemessene Unterstützung, sobald die Familien und Kinder nach Somalia zurückkehren. Die Organisationen müssen sicherstellen, dass dauerhaft ein Zugang zu Schulbildung in einem geschützten Umfeld garantiert ist – in Dadaab wie in Somalia.

Hintergrundinformationen:

– 27,077 Flüchtlinge verließen zwischen dem 1. Januar und dem 14. Oktober 2016 Dadaab. Insgesamt verließen seit 2014 33.178 Bewohner das Lager.
– Am 31. August 2016 betrug die Bewohnerzahl Dadaabs 276.945, 166.634 davon sind Kinder unter 18 Jahren.
– Seit 2007 arbeitet Save the Children Kenya im Flüchtlingscamp Dadaab. Mit Kindern und Familien zusammen arbeiten wir an verschiedenen Kinderschutzprogrammen für von ihren Familien getrennte Kinder sowie andere Kinder in Not, um sie über ihre Rechte aufzuklären und zu unterstützen.
– Momentan ermittelt Save the Children Bedarfsanalysen für mögliche Einsatzgebiete und Programme, um schutzbedürftige Kindern zu helfen, die aus Dadaab nach Somalia zurückkehren.

Pressekontakt:

Save the Children Deutschland e.V.
Claudia Kepp
Tel.: +49 (30) 27 59 59 79 – 280
Mail: claudia.kepp@savethechildren.de

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